Waldorfschüler im Bundestag
Am
Montag, den 27.1.2003 sind unsere Oberstufenschüler (aller Waldorfschulen
Berlins) bei einer Gedenkfeier zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus
im Berliner Bundestag in Form von verschiedenen Sprechchören aufgetreten.
Am 26.1 fand eine sehr lange
Generalprobe statt, wo ich einige Fotos machen konnte und vom Engagement
unserer Schüler und der beiden Schauspieler Beate Krützkamp
sowie
Jobst Langhans sehr beeindruckt war.
Die Schüler/Innen traten zwischen den Ansprachen und Gedenkreden vom Präsidenten des Deutschen Bundestags Wolfgang Thierse sowie von Dr. h.c. Jorge Semprún, Kulturminister a. D. des Königreichs Spanien auf.
Drei Monate lang fanden sich ca. 40 Oberstufenschüler /Innen verschiedener
Berliner Waldorfschulen zu einem recht ungewöhnlichen Projekt zusammen:
Unter der Leitung von Beate Krützkamp (Schauspielerin) und Jobst
Langhans (Schauspieler, Regisseur, Michael Tschechow-Studio Berlin) trafen
sich die Schüler/Innen jeden Donnerstag für ca.3 Stunden zu
einer gemeinsamen Probenzeit im "Forum Kreuzberg", um Texte und Gedichte
in Form von Sprechchören einzustudieren.
Mit großem
Ernst und Engagement wuchsen die Schüler in diese Aufgabe hinein,
was sich bei der Generalprobe im Bundestag am 26.1.03 bereits deutlich
gezeigt hat. Die Live-Übertragung fand um 14:00 Uhr auf dem Sender
Phoenix statt.
Eva-Maria Redler
Friedeman Linke, ein
Schüler unserer 12.Klasse schrieb dazu:
Der Sprechchor der Berliner Waldorfschulen:
Anlässlich
der Gedenkfeier des Befreiungstages von Auschwitz traten am 27.Januar
2003 im Deutschen Bundestag Schülerinnen und Schüler aus Oberstufenklassen
verschiedener Berliner Waldorfschulen im Chor auf und verliehen somit
dieser Gedenkfeier ihren künstlerischen Rahmen.
Dieses Projekt wurde von Beate Krützkamp (Schauspielerin), Jobst
Langhans (Schauspieler, Regisseur, Michael Tschechow-Studio Berlin) zusammen
mit dem Protokoll des Bundestags, vertreten durch Herrn Manfred Günther
organisiert und geleitet.
Die Inhalte der rezitierten Texte und Gedichte von Rose Ausländer
(1901-1988), Hans Magnus Enzensberger (*1929), Stella Rotenberg (*1916),
Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942), Primo Levi (1919-1987), Schalom Ben-Chorin
(1913-1999), Paul Celan (1920-1970) sowie von Victor Frankl (1905-1997)
drehten sich rund um das Thema Konzentrationslager und somit eng zusammenhängend
um das Verbrechen an der Menschheit zur damaligen Zeit.
Hierbei ging es den Schüler/Innen vor allen Dingen nicht nur darum
gut im Sprechchor zu sprechen, sondern darüber hinaus den Zuhörer
im Publikum wirklich zu erreichen und in ihm Gefühle, Emotionen sowie
eine bewusste Besinnung zu erwecken.
Um dies auch
wirklich weit möglichst zu schaffen, arbeiteten die Schüler/Innen
drei Monate lang intensiv mit Jobst Langhans und Beate Krützkamp
daran, indem sie immer wieder versuchten die Gedichte und Texte neu zu
fassen und anhand von realen Bildern und Gefühlen zu verstehen. Diese
Vorgehensweise forderte jeden Einzelnen auf anspruchsvolle Weise, zumal
dieses Thema auch noch heute für uns nicht leicht zu verarbeiten
ist.
Für die beteiligten Schülerinnen und Schüler der Berliner
Waldorfschulen, aber auch für alle anderen, die sich mit der Waldorfpädagogik
verbunden fühlen, war es eine große Ehre an diesem Projekt
teilzunehmen.
Aus dem Programm:
Rückblick
Rose Ausländer (1901-1988)
Schön der Mensch
wer leugnet' s
Schön
sein aufrechter Gang
seine Augen geniale Maler
sein Wortschatz
Gefühl aus Feuer und Eis
helle und dunkle Gedanken
helle und dunkle Absichten
Schön der Mensch
Wer leugnet' s
Sein Drang zu schaffen
Menschen zu schaffen
Menschen aus der Welt zu schaffen
Mit schönen Händen
Städte bauend
Häuser mit mächtigen Öfen
Wer leugnet' s
dass der helle Menschenverstand
stehnbleibt
vor den mächtigen Öfen
der schönen Menschen
Starb denn der Mensch
Schalom Ben-Chorin (1913-1999)
Starb denn der Mensch? Ist nirgends Raum für ihn?
Ist noch die Liebe wahr? Tönt noch Gesang?
Ist das Gestirn, das unseren Müttern schien
Verglüht im Zeitensonnenuntergang?
Ist nur noch Nacht und Tag … und keine Dämmerung?
Ist alles Zarte, Leise rau vom Wind verweht?
Gilt nur der Mördersensen harter Schwung
Im Saatfeld, das voll reifer Tode steht?
Schämt sich das Leben in den Mauerritzen?
Die schönen Verse - - alle wurden matt? -
Jetzt sollen Himmel bersten von den Blitzen
Wie sie der jüngste Tag das Sagen hat.
Doch kein Gericht ist. Gott bleibt weltenstumm:
Starrt er verstört auf sein zerstörtes Ebenbild?
Das Salz des Rechtes ward von Blute dumm
Und der Gerechte ungehegtes Wild.
Still sein ist alles wenn die Stürme toben
Still sein und warten mit gespannter Kraft,
Standhalten und das Menschenherz erproben
Ob es noch lieben kann, wenn seine Wunde klafft.
Tragik
Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942)
Das ist das Schwerste: sich verschenken
Und wissen, dass man überflüssig ist,
sich ganz zu geben und zu denken,
dass man wie Rauch ins Nichts zerfließt.
(23.12.1941)
Waldorfschüler im Bundestag
Am 27.1.2003 sind Oberstufenschüler aller Waldorfschulen Berlins bei einer Gedenkfeier zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus im Berliner Bundestag aufgetreten.
Drei Monate lang wurden zuvor unter Leitung von Beate Krützkamp (Schauspielerin) und Jobst Langhans (Schauspieler, Regisseur) Texte und Gedichte in Form von Sprechchören einstudiert.