An der Emil Molt Schule beginnt der Fremdsprachenunterricht nicht irgendwann, sondern vom ersten Schultag an — und gleich mit zwei Sprachen: Englisch und Französisch werden ab der ersten Klasse parallel unterrichtet, lange bevor Kinder in ihrer Muttersprache selbst lesen und schreiben können. Was zunächst ungewöhnlich klingt, folgt einem klaren pädagogischen Verständnis davon, wie kleine Kinder Sprache aufnehmen.
Dieser Artikel erklärt, wie der Fremdsprachenunterricht in den ersten Schuljahren aufgebaut ist, warum zwei Sprachen von Beginn an keine Überforderung, sondern eine Chance sind — und wie sich der Unterricht mit zunehmendem Alter der Kinder verändert.

Was bedeutet Fremdsprachenunterricht ab der ersten Klasse?
Vom ersten Schultag an haben die Kinder der Emil Molt Schule regelmäßig Englisch- und Französischunterricht — in kleinen, häufigen Einheiten über die Woche verteilt, gehalten von Fachlehrer*innen mit entsprechender Sprachausbildung. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Pauken von Vokabeln oder Grammatikregeln, sondern das unmittelbare, klangliche Erleben der Sprache: Lieder, Reime, kleine Dialoge, Bewegungsspiele und Geschichten.
Diese Herangehensweise folgt der Beobachtung, dass junge Kinder Sprache zunächst über das Ohr, den Klang und die Nachahmung aufnehmen — ganz so, wie sie auch ihre Muttersprache gelernt haben, lange bevor sie deren Regeln kennen. Der Unterricht setzt bewusst an dieser natürlichen Fähigkeit an, statt sie durch frühe Grammatikvermittlung zu überlagern.
Mit zunehmendem Alter verändert sich der Unterricht: Schrift und Grammatik treten hinzu, formale Übungen ergänzen das mündliche Fundament, und ab der Mittelstufe wachsen die fachlichen Anforderungen kontinuierlich bis hin zu den Prüfungsformaten von MSA und Abitur. Die ersten Schuljahre legen dafür den Grundstein: ein unbefangenes, freudvolles Verhältnis zu zwei Fremdsprachen.
„Ein Kind lernt eine Sprache nicht, indem es sie erklärt bekommt, sondern indem es in ihr lebt.“
Der Aufbau des Fremdsprachenunterrichts im Überblick
Der Fremdsprachenunterricht durchläuft über die Schulzeit hinweg mehrere Phasen, die jeweils zur Entwicklungsstufe der Kinder passen. Jede Phase baut auf der vorangegangenen auf, ohne sie zu ersetzen.
Mündlich vor schriftlich
In den ersten Schuljahren steht das gesprochene Wort im Mittelpunkt. Die Kinder singen, reimen, spielen kleine Szenen nach und lernen Sprache über Rhythmus und Bewegung kennen. Schrift und formale Grammatik treten bewusst noch nicht in den Vordergrund — das mündliche Sprachgefühl soll sich zunächst ungestört entfalten können.
Übergang zu Lesen und Schreiben
Etwa ab der dritten Klasse — parallel zur wachsenden Lese- und Schreibsicherheit im Deutschen — beginnt auch in den Fremdsprachen der schrittweise Übergang zur Schriftlichkeit. Erste einfache Texte werden gelesen und geschrieben, der Wortschatz wird gezielt erweitert.
Grammatik und systematischer Aufbau
Ab der vierten und fünften Klasse kommt die systematische Grammatikvermittlung hinzu. Was zuvor intuitiv erlebt wurde, wird nun zunehmend bewusst gemacht und geordnet — auf einem soliden mündlichen Fundament, das den weiteren Fremdsprachenerwerb erleichtert.
Mittelstufe und Prüfungsvorbereitung
In der Mittel- und Oberstufe wachsen die fachlichen Anforderungen kontinuierlich: Textarbeit, Literatur, mündliche Prüfungsformate und schließlich die Vorbereitung auf MSA und Abitur. Englisch und Französisch werden durchgehend bis zum Schulabschluss weitergeführt.
Auf einen Blick: Fremdsprachenunterricht
| Beginn | Ab Klasse 1, mit beiden Sprachen parallel |
| Sprachen | Englisch und Französisch |
| Unterrichtsform Kl. 1–2 | Mündlich, klanglich: Lieder, Reime, Bewegung, kleine Dialoge |
| Schriftlichkeit | Schrittweiser Einstieg ab Klasse 3 |
| Grammatik | Systematischer Aufbau ab Klasse 4/5 |
| Lehrkräfte | Fachlehrer*innen mit sprachlicher und pädagogischer Ausbildung |
| Fortführung | Durchgehend bis MSA und Abitur |
Warum zwei Sprachen ab der ersten Klasse? — Die pädagogische Begründung
Kleine Kinder verfügen über eine besondere Offenheit für Klang, Rhythmus und Nachahmung, die mit zunehmendem Alter abnimmt. Diese Phase nutzt die Waldorfpädagogik bewusst, um den Grundstein für zwei Fremdsprachen zugleich zu legen — nicht als zusätzliche Belastung, sondern als natürliche Erweiterung dessen, was Kinder in diesem Alter ohnehin leisten: Sprache über Klang und Wiederholung aufnehmen, lange bevor sie über sie nachdenken.
Weil der Unterricht in den ersten Jahren auf Mündlichkeit statt auf Grammatik und Übersetzung setzt, entsteht kein Vergleichsdruck zwischen den Sprachen und keine Verwechslungsgefahr mit dem noch im Aufbau befindlichen Lese- und Schreibprozess im Deutschen. Die Fremdsprachen bleiben in dieser Phase eigenständige, klangliche Erfahrungswelten.
| Was frühes, mündliches Lernen schafft | Was spätes, grammatikbasiertes Lernen erschwert |
|---|---|
| Kinder nehmen Aussprache und Sprachmelodie in der Phase auf, in der ihr Gehör dafür am empfänglichsten ist. | Ein späterer Einstieg trifft auf ein bereits stärker gefestigtes Lautsystem der Muttersprache — Aussprache wird schwerer zu verändern. |
| Zwei Sprachen parallel zu erleben, normalisiert Mehrsprachigkeit als etwas Selbstverständliches. | Fremdsprachen werden leicht als isoliertes Schulfach statt als lebendige Sprache erlebt. |
| Ohne Notendruck und Vergleichslogik bleibt die Beziehung zur Sprache unbefangen und freudvoll. | Früher Fokus auf Korrektheit kann Sprechhemmungen begünstigen, bevor überhaupt Sprechfreude entstanden ist. |
Der frühe, mündliche Zugang zu zwei Fremdsprachen ist kein Ersatz für spätere systematische Grammatikarbeit, sondern deren Voraussetzung. Kinder, die Klang, Rhythmus und Sprachgefühl früh und unbefangen erlebt haben, bauen darauf leichter ein bewusstes, grammatisches Verständnis auf. Beide Phasen — die mündlich-klangliche und die systematisch-grammatische — ergänzen sich zu einem tragfähigen Spracherwerb bis zum Schulabschluss.
Wer unterrichtet Englisch und Französisch?
Anders als die zentralen Epochenfächer, die überwiegend von der Klassenlehrer*in getragen werden, liegt der Fremdsprachenunterricht von Beginn an in der Verantwortung eigener Fachlehrer*innen für Englisch und Französisch. Diese bringen eine fundierte sprachliche und pädagogische Ausbildung mit — ein abgeschlossenes Hochschulstudium der jeweiligen Sprache oder eine vergleichbare, abgeschlossene Qualifikation ist dabei unabdingbar, ergänzt durch waldorfpädagogische Ausbildung, etwa am Waldorfseminar Berlin.
Diese fachliche Sicherheit ist gerade im frühen, mündlichen Unterricht entscheidend: Kinder übernehmen Aussprache und Sprachmelodie unmittelbar von der unterrichtenden Person. Eine souveräne, korrekte und lebendige Sprachbeherrschung der Fachlehrer*in ist daher keine Nebensache, sondern die Grundlage dafür, dass der frühe Fremdsprachenunterricht sein pädagogisches Ziel erreicht. Mehr zur Rolle der verschiedenen Lehrkräfte im Zusammenspiel mit der Klassenlehrer*in findet sich im Wiki-Artikel zum Klassenlehrer*innen-Prinzip.
Häufige Fragen zum Fremdsprachenunterricht
Ist es nicht zu viel, gleich zwei Fremdsprachen ab der ersten Klasse zu lernen?
In der Form, wie der Unterricht in den ersten Schuljahren gestaltet ist, überfordert das die Kinder nicht: Es geht nicht um Vokabellisten oder Grammatikpensum, sondern um Lieder, Reime und Klangerfahrung — Formen, in denen Kinder in diesem Alter ohnehin besonders aufnahmefähig sind. Die Rückmeldungen aus dem Schulalltag zeigen, dass Kinder diese frühe Mehrsprachigkeit meist mit spürbarer Freude erleben.
Lernen die Kinder von Anfang an auch Vokabeln und Grammatik?
Nicht im klassischen Sinn. In den ersten beiden Schuljahren steht das mündliche Erleben der Sprache im Vordergrund. Wortschatz entsteht dabei ganz natürlich durch Wiederholung in Liedern und Geschichten. Systematische Grammatikvermittlung setzt bewusst später ein — ab der vierten und fünften Klasse — und baut auf diesem mündlichen Fundament auf.
Was passiert, wenn ein Kind noch Unterstützung im Deutschen braucht — ist der Fremdsprachenunterricht dann nicht zusätzlich belastend?
Weil der frühe Fremdsprachenunterricht mündlich und spielerisch angelegt ist und nicht auf Lese- oder Schreibkompetenz aufbaut, steht er nicht in Konkurrenz zum Erwerb des Deutschen, sondern läuft eigenständig daneben her. Bei individuellem Unterstützungsbedarf stehen Klassenlehrer*in und Fachlehrer*innen im engen Austausch, um die Entwicklung jedes Kindes im Blick zu behalten.
Können auch Kinder mit einer anderen Familiensprache gut mithalten?
Ja. Kinder, die bereits mehrsprachig aufwachsen, bringen häufig eine besondere Offenheit für neue Sprachklänge mit. Der klanglich-mündliche Zugang der ersten Schuljahre kommt dieser Erfahrung entgegen, statt sie durch frühe Schriftlichkeit zu erschweren.
Werden Englisch und Französisch bis zum Abschluss weitergeführt?
Ja. Beide Sprachen werden durchgehend bis in die Oberstufe unterrichtet und auf die Prüfungsformate von MSA und Abitur vorbereitet. Der frühe Beginn schafft dafür über die Jahre ein solides Fundament, auf dem die fachlich wachsenden Anforderungen der höheren Klassenstufen aufbauen.
Ändert sich der Fremdsprachenunterricht in der Oberstufe?
Ja, deutlich. Ab der Mittelstufe rücken Textarbeit, Literatur, freies mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen sowie die gezielte Prüfungsvorbereitung in den Vordergrund — vergleichbar mit dem Fremdsprachenunterricht an anderen weiterführenden Schulen. Die spielerisch-klangliche Grundlage der ersten Schuljahre bleibt dabei als Sprachgefühl spürbar erhalten.
Zwei Sprachen. Ein früher Anfang. Ein Leben lang Sprachgefühl.
Englisch und Französisch ab der ersten Klasse sind kein zusätzliches Lernpensum, sondern eine gelebte pädagogische Überzeugung: dass Sprache zuerst klingt, bevor sie erklärt wird — und dass die Offenheit kleiner Kinder für neue Klänge eine kostbare, zeitlich begrenzte Gelegenheit ist. An der Emil Molt Schule wird diese Gelegenheit von Anfang an genutzt, getragen von Fachlehrer*innen mit fundierter sprachlicher und pädagogischer Ausbildung.
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