Das Wort „Anthroposophie” wörtlich übersetzt bedeutet „Die Weisheit vom Menschen”; das könnte heute auch heißen: „Das Bewusstsein des eigenen Menschentums”. Die Geisteswissenschaft der Anthroposophie wurde von Dr. Rudolf Steiner (1861-1925) entwickelt. In einer Zeit des geistigen Umbruchs auf politischer, kultureller und sozialer Ebene wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den verschiedensten Gebieten nach neuen Weltbildern sowie nach ganzheitlichen Lebensformen gesucht. Der Österreicher R. Steiner veröffentlichte 1894 das Buch: „Die Philosophie der Freiheit” – Grundzüge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode. Im Untertitel dieses Buches wird das primäre Anliegen Steiners deutlich: Es geht ihm um den Ausbau einer Geisteswissenschaft, die sich der strengen Methodik der Naturwissenschaft bedient, aber als Objekte der Erkenntnis das sinnliche wie das geistige Erleben wählt. Die Idee des reinen Denkens wird von ihm in diesem Buch ebenso entwickelt wie die des Freiheitsbegriffes des modernen Menschen. Zitat: „Freiheit ist unmöglich, wenn etwas außer mir meine moralischen Vorstellungen bestimmt. Ich bin nur dann frei, wenn ich selbst diese Vorstellungen produziere; nicht, wenn ich die Beweggründe, die ein anderes Wesen in mich gesetzt hat, ausführen kann. Ein freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann, was es selbst für richtig hält.” Dieses Buch enthält in reiner Gedanklichkeit im Prinzip bereits alles, was R. Steiner später inhaltlich als Anthroposophie entwickelt hat. Als R. Steiner vor rund hundert Jahren zunächst in Berlin, dann in vielen europäischen Städten begann geisteswissenschaftliche Vorträge zu halten, wurde er immer wieder von Vertretern verschiedener Berufsgruppen um Rat gebeten. So besprachen sich immer wieder Ärzte, Landwirte, Künstler, Pädagogen, Handwerker, Therapeuten, Philosophen, Naturwissenschaftler, kirchliche Vertreter u. a. mit ihm und erhielten dadurch oft wichtige Impulse für ihre einzelnen Arbeits- und Forschungsgebiete. Dass durch geistige Erkenntnisse die verschiedensten Lebensgebiete fruchtbar gemacht werden können, beweisen heute viele anthroposophische Einrichtungen auf der ganzen Welt. Im Laufe der Jahre sind so weltweit gegen 10.000 Einrichtungen auf den Gebieten der Kunst, Religion und Wissenschaft, Pädagogik, Medizin, Pharmazie, Landwirtschaft, Sozialarbeit, Wirtschaft etc. entstanden, die sich bemüen, die gewonnenen Erkenntnisse praktisch anzuwenden: Schulen (Rudolf Steiner-, Waldorf- oder Freie Schulen genannt), heilpädagogische und sozialtherapeutische Heime, Werkstätten und Schulen, Kliniken, Arztpraxen, pharmazeutische Betriebe, biologisch-dynamische Bauernhöfe, Banken, Kunstschulen, Bühnen, Gewerbe u. a. Ein wichtiger Impuls innerhalb der anthroposophischen Bewegung war und ist bis heute die soziale Frage in der Welt. R. Steiner begründete zwischen 1918 und 1921 einen „Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus”. Der Grundgedanke dieser „Bewegung für Dreigliederung” war, dass das soziale Leben der Menschheit nur gesunden könne, wenn es bewußt gegliedert würde. Alle Einrichtungen in Staat und Wirtschaft müssen so getroffen werden, dass die Würde des arbeitenden Menschen nicht angetastet werden kann. Um diese Ziele in der Wirklichkeit zu erreichen, bedarf es nach Steiner der Entflechtung von Staat, Wirtschaft und Geistesleben. Freiheit im Geiste, Gleichheit vor dem Recht, Brüderlichkeit in der Wirtschaft – so gab Rudolf Steiner den alten Idealen der Französischen Revolution einen neuen, realistischen Inhalt. Er hat diese Ideen jedoch nie als eine Ideologie angesehen, die man laut Programmen in der Welt durchzusetzen versuchen sollte. Vielmehr verlangen die aktuellen Tatsachen selbst eine Verselbständigung der drei Systeme des sozialen Organismus und sollten den jeweiligen Verhältnissen angepasst werden. Im Jahre 1919 jedoch drang R. Steiner mit diesen Ideen nicht durch: Die Begründung der ersten freien Waldorfschule 1919 in Stuttgart nach dem Ende des ersten Weltkrieges und dem totalen Zusammenbruch des Deutschen Reiches kann als ein erneuter Versuch angesehen werden, die oben beschriebenen Ideen R. Steiners auf eine andere, neue Weise zu verwirklichen. Die „Freien Waldorfschulen” sind inzwischen auf fast allen Kontinenten der Erde zu finden. Ihren pädagogischen Hintergrund bildet u.a. R. Steiners Anschauung der Freiheit und Menschenwürde eines jeden Menschen. Demzufolge stehen diese Schulen jedermann offen ohne Unterschied von Religion, Hautfarbe, Volkszugehörigkeit oder sozialer Stellung. Blickt man heute, zu Beginn des 21. Jahrhundert, auf das Leben und Werk Rudolf Steiners, so müssen angesichts der aktuellen Weltsituation und der rasanten Globalisierung der Welt bestimmt viele Fragen neu gestellt werden: Das soziale Umfeld des Menschen hat sich dramatisch verändert, das Leben ist einerseits einfacher und zugleich schwieriger geworden. Die Kontinente rücken scheinbar zusammen, der kulturelle Austausch vollzieht sich auf vielen Gebieten.
Durch die große Informationsflut der Medien können inzwischen viele Fragen schnell und ausführlich beantwortet werden. Und dennoch: Hat sich auch unsere Zeit der Mühe unterzogen R. Steiner und sein Werk wirklich zu prüfen? Sicherlich hat er auf viele Fragen seiner Zeit Antworten gegeben und sie fielen vielleicht anders aus als erwartet. Vielleicht werden viele tieferen Lebensfragen durch die Geisteswissenschaft der Anthroposophie zunächst weniger spektakulär beantwortet werden. Jeder der möchte, ist jedoch gefragt sich selbst zu entfalten, selber zu forschen und vielleicht mehr über sich und die Welt zu erfahren. Der Schulungs- und Erkenntnisweg R. Steiners ist eine Möglichkeit der inneren Weiterentwicklung für jeden Menschen. Die Beschäftigung mit der Anthroposophie kann aber auch zu sehr praktischen Ergebnissen für das alltägliche Leben führen. So ist die Waldorfschule der Versuch einer zeitgemäßen Erziehungskunst: Die heran wachsenden Schüler/innen sollen durch ein ganzheitliches Anschauen des Menschen und der Welt in einer Weise gefördert werden, dass sie sich selbstbewusst und selbstbestimmt entwickeln, um ihren eigenen, individuellen Lebens- und Berufsweg finden zu können. Eva-Maria Redler