Eurythmie

Zum Eurythmieunterricht an der Waldorfschule

Die Eurythmie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Rudolf Steiner (1861-1925) entwickelt, in einer Zeit des künstlerischen Umbruchs und der Suche nach neuen zeitgemäßen Ausdrucksformen. Sprache, Musik und Bewegung sind die unmittelbaren Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen, durch die er seinen Mitmenschen Gefühle und Empfindungen – auch Gedanken – zu vermitteln vermag. Suchen wir eine gemeinsame Quelle von Sprache, Musik und Bewegung, so finden wir im Innern des Menschen verborgene Bewegungstendenzen, die nach Aussage, Expression drängen.

Eurythmie

Die Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die nicht nur die Gesetzmäßigkeit der Sprache und der Musik alleine in die Sichtbarkeit bringen will, sondern auch deren Farbigkeit und Stimmung. So treten die zunächst verborgenen Qualitäten der Dichtung und der Musik durch die Bühnendarstellung in Erscheinung, und der Zuschauer kann eine Vertiefung und Erweiterung des sonst nur Hörbaren im Sichtbaren erfahren.

Diese neue Kunst der Eurythmie wurde 1919 in den Lehrplan der ersten Waldorfschule als künstlerisches Fach aufgenommen. In der Emil Molt Schule wird Eurythmie in allen Klassenstufen unterrichtet und in schulischen Veranstaltungen zur Aufführung gebracht.

Neben der pädagogischen Arbeit im Klassenverband wird die Eurythmie in ihrer heilenden Form an der Emil Molt Schule auch als Heileurythmie in der Einzeltherapie angewendet.

Mehr lesen zum Eurythmieunterricht in den einzelnen Klassenstufen

Auf elementarer Stufe beginnen wir damit bereits mit der 1. Klasse: Behutsam werden die Kinder in die Bilder der Märchenwelt hineingeführt, und sie lernen sich in vielfältigen Verwandlungen entsprechend zu bewegen. Das musikalische Element im Quintenraum unterstützt das bildhafte Geschehen.


In der 2. Klasse werden die Lautgebärden schon deutlicher ausgebildet. Vorherrschend ist nun die Tierwelt, deren charakteristische Bewegungen aufgenommen und gestaltet werden. Erste kleine Formen aus Gerader und Gebogener werden im Kreis gemeinsam geübt.


Tüchtig wird in der 3. Klasse an den Lautgebärden weiter geübt und auch das Musikalische wird nun in kleinen Stükchen in einfachen Formen selbständig gearbeitet. Freudig lernen die Kinder in diesem Alter die ersten Bewegungselemente des Luftigen, Wässrigen, Wärmenden und Festen kennen.

In der 4. Klasse ist es an der Zeit, den schützenden Kreis gelegentlich zu verlassen und sich der Welt auch frontal gegenüberzustellen. Wichtig werden die Konsonanten in Verbindung mit der nordischen Alliteration. W. A. Mozart und J. Haydn z.B. haben viele Stücke geschrieben, an denen die Kinder ihre Fähigkeiten weiter ausbilden können.


5. Klasse: Rhythmus – Rhythmus – Rhythmus! Der griechische Hexameter und andere Rhythmen werden nun genau erarbeitet. In Verbindung mit dem Hauptunterricht wird versucht in die Seelenstimmung der alten Kulturen einzutauchen. Den Fünfstern durch Bewegung im Raum sichtbar zu machen, hat eine ordnende und belebende Wirkung auf jeden Fünftklässler. Geschicklichkeitsübungen durchziehen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden alle Klassen der Unterstufe.


Ab der 6. Klasse kommen Übungen mit dem Kupferstab hinzu, um der nun langsam einsetzenden Schwere ein formendes Gegengewicht zu bieten. Das Üben von geometrischen Formen soll das Kind in seiner Willenstätigkeit sowie in seiner Raumorientierung stärken und stützen. In der Toneurythmie lernen die Schüler neben Takt und Rhythmus auch die Tonskalen und Intervallgebärden kennen.

Mit der beginnenden Pubertät in der 7. und 8. Klasse treten große Veränderungen im Wesen des Kindes auf. Das „innere Drama” wird durch ein intensives künstlerisches Arbeiten wie z. B. an einer Ballade, einer Humoreske oder an einem kräftigen Musikstück aufgegriffen und bewältigt. Freude und Schmerz wird im musikalischen Dur und Moll erlebt und gestaltet.


Mit der 9. Klasse beginnt ein weiterer wichtiger Abschnitt des heranwachsenden Jugendlichen: Nicht auf die Ästhetik, sondern auf die Richtigkeit sinnvoller Bewegungsabläufe kommt es an beim Neuntklässler. Starke Gegensätze wie Licht und Finsternis, weiß und schwarz sind Stimmungen, welche dieses Alter durchziehen und sie werden in der eurythmischen Arbeit aufgegriffen und vertieft. „Vom Kennen zum Erkennen“ ist nun das vorherrschende Motiv.


Im Laufe der 10. Klasse können die freiwerdenden Empfindungen für eine kräftige, künstlerische Arbeit genutzt werden. Dynamisches Bewegen wird möglich, im freien Schwingen werden starke seelische Impulse veranlagt. Die zart beginnende individuell-künstlerische Ausdrucksfähigkeit kann in verschiedenen Rollen z.B. eines Märchens erprobt und geübt werden.

In der 11. Klasse wird der eigene Weg klarer: Das Parzival-Motiv „Ich muss fragen, um zu finden!” durchzieht diese Altersstufe. Jetzt kann der Ansatz der Bewegung richtig von innen ergriffen und geführt werden. In der Laut – wie Toneurythmie wird an Stilfragen der Klassik, Romantik bis in die Moderne hinein gearbeitet. Impressionismus – die Welt der Farben wird z. B. auch durch differenzierte Bewegungen sichtbar gemacht. Fragen zur Entstehung und Entwicklung der Eurythmie im Vergleich auch zu anderen Bewegungskünsten werden behandelt und erörtert.


Das Faust – Thema Goethes in seiner Lebens – und Schicksalsdramatik stellt sich vor die Seele des nun 18-jährigen Schülers der 12. Klasse. Es versteht sich von selbst, dass der Eurythmieunterricht dieser Klassenstufe den künstlerischen Fähigkeiten und Interessen der Schüler entspricht. Je nach Können und Einsatzbereitschaft kann auch eine solistische eurythmische Jahresarbeit angestrebt werden. Im Zusammenhang mit der Astronomie-Epoche werden die eurythmischen Bewegungen und Gebärden des Tierkreises und der Planeten erübt und verinnerlicht. So kann die Eurythmie als Übungsweg für den heranwachsenden jungen Menschen eine wichtige Hilfe sein, sein ureigenes Wesen immer stärker zu ergreifen und reich zur Entfaltung zu bringen.